Vlassis Caniaris (1928 –2011) gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der griechischen Nachkriegskunst. Ihn interessierte, wie Kunstwerke Zeugnisse gesellschaftlicher Verhältnisse sein können. Von der gegenständlichen Malerei kommend entwickelte er als Künstler beharrlich eigene Zugänge zur Realität und erlangte internationale Anerkennung.
1975 waren einige seiner Arbeiten in der Ausstellung Gastarbeiter — Fremdarbeiter bereits im Kunstmuseum Bochum zu sehen. Durch ein DAAD-Stipendium für internationale Künstler*innen hatte sich Caniaris seit 1973 in Berlin mit den Lebensbedingungen der angeworbenen Arbeitsmigrant*innen auseinandergesetzt. Er suchte einen empathischen Zugang dazu, was Arbeit, Migration und Entfremdung mit Menschen machen. Caniaris beschrieb, dass es ihm nicht darum ging, eine aktivistische Ausstellung zu machen. Er versuchte, wie er es selbst nennt, „die Probleme hinter dem Vordergründigen“ zu zeigen, dabei auch Widersprüchliches stehen zu lassen und den Träumen Aufmerksamkeit zu schenken, die jeder realen Situation innewohnen. Gleichzeitig setzt der Titel Gastarbeiter – Fremdarbeiter die Realität der 1970er in eine Kontinuität des NS-Systems, in dem zivile Zwangsarbeit umgangssprachlich als Fremdarbeit bezeichnet wurde.
Als ein Besucher 1975 gefragt wurde, ob die Ausstellung „ihn als Gastarbeiter korrekt repräsentiere“, erfand er für sich im Zeitungsinterview den Namen „Grentzelos“ und verweigerte sich einer eindeutigen Festschreibung. Auf ähnliche Weise verschließt sich das Werk Caniaris’ bis heute vor einer einfachen politischen Vereinnahmung. Seine Aktualität zeigt sich in einer anhaltenden Offenheit, die uns dazu bringt, unsere eigene Wahrnehmung zu reflektieren. Grentzelos ist ein gefundener Name. Auch Vlassis Caniaris arbeitete mit gefundenen Materialien, die nicht nur Spuren der Realität tragen, sondern in ihr verortet bleiben. Er beobachtete genau, sammelte Dinge und Szenen des Alltags und baute Bilder, Environments und Assemblagen: Rätselhaftes und Motive, die dem Dokumentarischen nahekommen.
Die Ausstellung Grentzelos bringt Bilder, Objekte, Figuren und Environments zusammen, die in den 1950er- bis 1980er-Jahren entstanden sind. Sie verdeutlichen die künstlerische Präzision und Eigensinnigkeit Caniaris’, der an einer Auflösung des klassischen Bildbegriffs arbeitete und sich mit Fragen des Realismus und der Szenografie auseinandersetzte.
Eine Hommage entsteht meist durch die Nachgeborenen: Zeitgenössische Werke von Karolina Dreit und Kristina Dreit, Merve Kaplan und Erdem Teper erweitern die Ausstellung um heutige Perspektiven. Die Künstler*innen blicken aus der Gegenwart auf das vielschichtige Werk von Vlassis Caniaris und die damit verbundenen Themen Arbeit, Migration und Entfremdung. Caniaris’ historisch gewordene Figuren werden dabei zu Betrachter*innen unserer Zeit.
BEGLEITENDE VERANSTALTUNGEN
FÜHRUNGEN IM DEZEMBER
Immer mittwochs um 17 Uhr sowie Sonntag, 13. Dezember, 15 Uhr.
FÜHRUNG FÜR KINDER UND ERWACHSENE
Sonntag, 6. Dezember, 15 Uhr
KLANGEXPERIMENTE AUS KINDERSPIELZEUG
Workshop für Kinder ab 5 Jahren und Erwachsene mit Tasos Stamou
Sonntag, 06.12., 12–15 Uhr
Anmeldung: kunstvermittlung@bochum.de
Die Ausstellung wir gefördert von der Stadt Bochum 
Vlassis Caniaris (1928 –2011) is considered one of the most important pioneers of postwar Greek art. He sought an empathetic approach to understanding the effects of exploitation on people, and he was interested in how works of art can serve as testimonies to social realities. In 1975, some of his works were already on display in the exhibition Gastarbeiter — Fremdarbeiter (“Guest Workers — Foreign Workers”) at the Kunstmuseum Bochum.
When a visitor was asked in 1975 whether the exhibition “accurately represented him as a guest worker,” he invented the name “Grentzelos” for himself in a newspaper interview
and refused to be clearly categorized. In a similar vein, the artist Vlassis Caniaris resisted, throughout his life, any simplistic political co-optation of his artworks. The exhibition Grentzelos brings together material assemblages, figures, environments, and “spaces” by Caniaris created between the 1960s and 1980s. Contemporary works by Working Class
Daughters, Merve Kaplan, and Erdem Teper expand the exhibition to include contemporary perspectives. Caniaris’ figures, now part of history, become observers of the present.
ACCOMPANYING EVENTS
GUIDED TOURS (German-only)
Every Wednesday at 5 pm and on Sunday 13 December at 3 pm.
GUIDED TOUR FOR CHILDREN AND ADULTS
Sunday, 6 December, 3 pm (German-only)
SOUND EXPERIMENTS WITH CHILDREN’S TOYS
Workshop for children aged 5 and over and adults, with Tasos Stamou (German-only)
Sunday 6 December, 12 noon–3 pm
Booking: kunstvermittlung@bochum.de
The exhibition is supported by the City of Bochum.