Max Pechstein schuf das Gemälde „Interieur“ (alternativer Titel: „Das Paar“) 1921. Wann und wie Max Pechstein das Gemälde verkaufte, ist bisher nicht geklärt. Sicher ist jedoch, dass sich das Gemälde spätestens ab 1932 in der Sammlung von Paul und Clothilde Schüler befand.
Paul Schüler war Bochumer Bankier und leitete das Bankhauses Hermann Schüler. Das Bankhaus Herman Schüler bestand seit 1872 in Bochum und wurde nach dem Tod seines Gründers von dessen Söhnen Paul und Oskar Schüler übernommen. Oskar Schüler starb 1929, so dass Paul das Bankhaus allein weiterführte. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise kam das Bankhaus 1931 in Zahlungsschwierigkeiten und 1932 wurde ein gerichtliches Vergleichsverfahren zur Abfindung der Gläubiger eingeleitet. In dem Vorschlag, den das Bankhaus Hermann Schüler am 27.06.1932 für den Vergleich vorlegt, ist vorgesehen, dass die Gläubiger mit einer Forderung über 500 DM aus der Masse der privaten Gemäldesammlung von Paul und Clothilde Schüler befriedigt werden. Schon am 7.07.1932 wurde der Vergleich angenommen und damit gingen die für diesen Zweck ausgewählten Gemälde an die Gläubiger.1
Im Abschlussbericht, den der eingesetzte Treuhänder Albert Schäfer am 11.06.1939 über die Liquidation des Bankhauses vorlegt, ist eine Liste der Gemälde mitsamt der Personen / Parteien, an die sie im Rahmen des Verfahrens gegangen sind, enthalten. In der Liste ist verzeichnet, dass das Gemälde „Zwiegespräch“ von Max Pechstein, taxiert mit einem Wert von 2000 RM, an Dr. Alexi ging.2
Die Stadt Bochum erwarb das Gemälde 1957 von Frau Alexi aus Bochum für 4900 DM.3
Das Gemälde ist zurzeit ausgeliehen an das Bucerius-Forum in Hamburg. Dort wird es vom 11.09.2026 – 29.03.2027 in der Ausstellung „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“ gezeigt. Anschließend werden wir es wieder in unserer Sammlungspräsentation zeigen.
Anmerkung zur Sammlung Paul und Clothilde Schüler
Paul Schüler, geboren am 21.01.1876, und Clothilde Lazard, geboren am 8.10.1880, heirateten am 2.05.1904 und kauften gemeinsam ein Wohnhaus in der Kanalstraße 62 in Bochum. Während ihrer Ehe bauten sie eine bedeutende Kunstsammlung auf. Es ist naheliegend anzunehmen, dass sie ein gutes Netzwerk in die zeitgenössische Kunstszene hatten. Paul Schüler war beteiligt am Aufbau der Städtischen Gemäldegalerie in Bochum und dadurch mit ihrem Direktor Richart Reiche und den Sammlern Karl Gröppel und Hugo Gosmann aus Bochum bekannt. Darüber hinaus war die Schwester von Clothilde Schüler die Künstlerin Lou Albert-Lazard, die ebenfalls gut vernetzt war.
Die Kunstsammlung der Eheleute Schüler umfasste hochkarätige Arbeiten von Künstlern wie Alexej Jawlensky, Pablo Picasso, Gustave Courbet, Vincent van Gogh, Max Liebermann, Max Pechstein, Paula Modersohn Becker, Emil Nolde, Paul Signac und viele Weiteren. Den Großteil der Sammlung verlor das Ehepaar 1932, als damit die Gläubiger des Bankhauses befriedigt wurden, das im Jahr zuvor in Zahlungsschwierigkeiten geraten war.
Dem Ehepaar blieb jedoch nach 1932 ein Bestand von ca. 30 Gemälden von erheblichem Wert.4 Ab 1933 wurde die jüdische Familie Paul und Clothilde Schüler mit ihren Kinder vom nationalsozialistischen Regime verfolgt und verloren nach und nach ihre Rechte sowie ihren Besitz. 1937 zogen sie mit ihren Kindern in eine Mietwohnung in der Franzstraße 11 in Bochum. Die Gemälde nahmen sie mit. Aus Angst vor Beschlagnahme mietete die Familie allerdings ein weiteres einzelnes Zimmer im Haus auf den Namen ihrer Haushälterin, Fräulein Teichmann, und brachte die Gemälde zunächst dort unter.5 Wie lange dieses Arrangement bestand, ist unklar. Eine Jugendfreundin von Clothilde Schüler, Maria Meinrich, schildert in ihrer Eidesstattlichen Erklärung, dass die Familie sich das Haus in den letzten Jahren vor ihrer Deportation mit anderen jüdischen Familien teilte und dass die Gemälde zu dieser Zeit hinter „Betten und Schränken“ standen.6
Ende 1941, so schildert es Frau Meinrich aus ihrer Erinnerung, beschlagnahmte die Gestapo sämtliche verbliebene Gemälde in der Wohnung der Schülers und inhaftierte gleichzeitig Paul Schüler wegen des Besitzes „entarteter“ Kunst. Nach mehrwöchiger Haft wurde Paul Schüler entlassen. Wenige Tage später wurden er und Clothilde Schüler deportiert. Paul Schüler starb vermutlich noch im Zug an den Folgen seiner Haft oder weiterer Misshandlung, Clothilde Schüler wurde nach Riga deportiert und ist dort ermordet worden.7
Literatur:
Schneider, Hubert: Jüdische Familien in Bochum – ihre Bedeutung für die Entwicklung der Stadt, in: Bochumer Zeitpunkte. Beiträge zur Stadtgeschichte, Heimatkunde und Denkmalpflege, Heft 23, Juli 2009, S. 3-24
Soika, Aya: Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Band 2: 1919-1954, München 2011
1 Reichs- und Staatsanzeiger, Nr. 174, 27.07.1932
2Landesarchiv NRW Abt. Westfalen, K 104 (Regierung Arnsberg, Wiedergutmachungen), Nr. 426283 / IV 57-62
3 Beschluss zum Ankauf des Gemäldes im Kulturausschuss vom 30.03.1957: Stadtarchiv Bochum, Akte Bo 41/29, 140; Briefwechsel zum Verkauf mit Frau Alexi in dieser Akte ebenfalls vorhanden
4 Landesarchiv NRW Abt. Westfalen, K 104 (Regierung Arnsberg, Wiedergutmachungen), Nr. 426283 / IV 23
5 Landesarchiv NRW Abt. Westfalen, K 104 (Regierung Arnsberg, Wiedergutmachungen), Nr. 426283 / IV 4
6 Landesarchiv NRW Abt. Westfalen, K 104 (Regierung Arnsberg, Wiedergutmachungen), Nr. 426283 / IV 23
7 Landesarchiv NRW Abt. Westfalen, K 104 (Regierung Arnsberg, Wiedergutmachungen), Nr. 426283 / IV 23