Inhalt

Claudia Posca bloggt über aktuelle Ausstellungen im Kunstmuseum.

Bella donna?

Jetzt aber fix. Sonst ist verpasst, was nicht verpasst werden sollte: „Kunst von Künstlerinnen in der Eigenen Sammlung“ des Kunstmuseum Bochum. Die aus dem Depot geholten Schätze hätten 60 Jahre Kunstmuseum Bochum und die Neu-Eröffnung nach Umbau der Villa Markhoff-Rosenstein feiern sollen, – wäre Covid Corona nicht dazwischen gefahren. Jetzt wird die Party nachgeholt. Das Ausstellungsprogramm, die Neupräsentation der eigenen Sammlung aber laufen. Auf die Plätze, fertig, Kunst: Dornröschenschlaf war gestern. Im lichthell-hohen Oberlichtsaal punktet ein famoser Künstlerinnen-Parcours, darin sich die Ankaufspolitik seit Gründung der Städtischen Kunstgalerie Bochum in den 1960er Jahren spiegelt. Rück- und Ausblicke gibt`s auf einen Schlag. Zeitreise inklusive. Im Fokus: Kenntnis, Können, Kunst von Künstlerinnen.

Bella donna? Schicke Kunst? Von wegen, wenn`s reduzierend gemeint ist. Andererseits: Ja sicher doch! Weil`s umfassend zu gucken gibt, wie Kunst von Frauen schlau grandios, wie Kunst von Künstlerinnen hoch ästhetisch und vor allem, wie Kunst als Kunst argumentiert.

Wozu dann aber das exklusive Made-by-Women-Hinweisen?

Tja klar, schöner wär`s anders. Aber noch ist der Gender Gap längst nicht vom Kunstparkett. Nur geschätzte zehn bis fünfzehn Prozent Kunst von Frauen findet sich in den Sammlungen deutscher Museen. In den Galerien sieht`s noch düsterer aus. Richtig wichtig also, Ausstellungen weiblicher Kreativität zu promoten.

Andererseits und verflixt daran: „Indem auf Frauen derart spezifisch hingewiesen wird, werden feministische Repräsentationsformen auch dazu missbraucht, konservative Vorstellungen von Identität zu festigen. Die Frau bleibt in einer Sonderrolle, sie wird als das „Andere“, als das, was das Männliche nicht ist, dargestellt. Dadurch wird an stereotypisierenden und vereinfachenden Identitätskonzepten festgehalten“ sieht es die Wiener Kunsthistorikerin Doris Guth klar.

Aber, aber: Umso mehr braucht`s weiter Arbeit an der Schieflage. Wie in Bochum. Wie mit „Künstlerinnen in der Eigenen Sammlung“. Die Situation ist vertrackt. Ohne Sonderausstellungen von Frauen bewegt sich nichts in Richtung Augenhöhe. Debatten über Identitätsformen müssen her. Vielleicht vor allem, um letztlich reduzierende Kategorien wie „weiblich“ und „Frau“, aber auch wie „queer“ oder „of colour“ abzuschaffen, weil die recht betrachtet am Thema Gleichberechtigung vorbeigaloppieren. Kunst schließlich ist Kunst ist Kunst. Egal welchen Geschlechts der Kunstschaffende ist. Oder nicht? Noch ist der Streit darüber, ob Frauen anders als Männer, Männer anders als Frauen gucken nicht entschieden.

So oder so, in Bochum kommt jede der zweiundzwanzig Arbeiten von „Künstlerinnen in der Eigenen Sammlung“ mit eindrücklich Bella-Figura daher, was Arbeiten u.a. von Krimhild Becker, Evelina Cajacob, Margret Eicher, Katharina und Barbara Grosse, Penny Hes Yassur, Keti Kapanadze, Käthe Kollwitz, Ursula Schultze-Bluhm und Zofia Kulik sind: intensiv, individuell, aussagestark in Gestalt von Malerei, Grafik, Fotografie, Skulptur und Installation. Selbst wer passionierter Museumsgänger ist, flaniert staunend durchs Themenkaleidoskop etlicher Jahrzehnte. Chronologische Sprünge im kuratorischen Fluss gibt`s als Visionsanker on top. Die Freiheit assoziativer Haken ebenso. Einmal unterwegs auf visuellem Roadtrip ist die papierne „Terforation“ (2015) von Angela Glajcar genauso wie der „Turm- und Vogelschrank“ (1976/77) von Ursula Schultze-Bluhm oder das subtile Beziehungsnetz der Menschen auf Marta Deskurs „Memory/Losungen“-Fotografien (1997), ein magischer Stopp fürs Imaginäre, – notwendig, um Daten, Fakten, Realitäten im Alltag durch Perspektivwechsel zu relativieren. Raus aus dem Daseinsmatsch sozusagen. Für ein Match von Haltung und Esprit. Da braucht`s den Hinweis nicht, dass es Kunst von Frauen drauf hat. Der Gender Gap wird anderswo kreiert, hat mit Erziehung, Sozialisation, Gesellschaftsstruktur zu tun.

Von wegen also nur als Muse ins Museum. Oder mit der seit Mitte der 1980erJahre politisierenden Aktivistinnen-Künstlerinnengruppe „Guerilla Girls“ gefragt: „Do woman have to be naked to get into the museum?“

Never ever! Die Hälfte des Himmels gehört den Frauen. Nackt und angezogen. Vor der Staffelei, hinter der Staffelei, als Frau, als Mensch. Hingucken. Ins Kunstmuseum Bochum gehen. Auf dass sich was ändert daran, dass viele Ausstellungshäuser den halben Himmel vermissen lassen, weil weiblicher Genius bis heute unterrepräsentiert ist. Und das, obwohl zu vermuten steht, dass der halben Menschheit schon mal aufblitzte, dass Frauen es waren, die die schönsten Höhlenbilder malten. Ein sexy Thema. Ein grundlegendes noch dazu, das aufgearbeitet gehört. Damit Kunst von Künstlerinnen wie die der männlichen Kollegen gehandelt, gefördert, protegiert wird.

Das Bochumer Haus jedenfalls zeigt starke Positionen. „Wer erobert die Welt“ (1994) von Zofia Kulik etwa geht Machtverhältnisse mit einer komplizierten Ikonografie eines Systems der Herrschaft auf 5 x 13 schwarz gerahmten Fotomontagen über 3 x 6 Metern Präsentationsfläche an. Keti Kapanadze dagegen hinterfragt in ihren Fotomontagen mit Versatzstücken der Pop-Kultur Rollen-Klischees, um kritisch-ironisch dem männlichen, dem weiblichen Blick nachzuspüren, während Elisabeth Wörndl in ihrer Farbfotografie auf Aluminium „Körper Räume“ (1998) auf der Suche nach Identität entwirft.

Frauenpower pur? Und das Kunstmuseum Bochum mittemang dabei, den Künstler-Männerclub über den Haufen zu werfen? Sympathisch. Avantgardistisch, für Bella donna auf dem Kunstparkett?

Leider nicht ganz. Denn auch in der Bochumer Sammlung sind „Werke von Künstlerinnen weitaus seltener als die ihrer männlichen Kollegen“ vertreten, steht`s im Ausstellungs-Leitfaden zu lesen. Was wiederum historisch gewachsen, gesellschaftlich tradiert, sich dadurch erklärt, dass mit den Freiheiten der Goldenen Zwanziger Jahre, als Frau sich emanzipierend Hosen anzog, Bubikopf und Zigarillo trug, spätestens mit der Nazi-Diktatur Schluss war. Stattdessen: Kinder, Küche, Kirche – bis weit hinein in die 1960er Jahre. Ein Akademie-Studium ist Frauen gar erst seit einhundert Jahren erlaubt. Und bis heute ist der Kunstbetrieb Männerdomäne, kämpfen Künstlerinnen um Sichtbarkeit, lassen sich Retrospektiven für Künstlerinnen an einer Hand abzählen. „Im Hinblick auf die Gleichberechtigung von Frauen und Männern machen Kunst und Kultur ihrem Ruf und ihrem Selbstverständnis als gesellschaftliche Avantgarde leider bis heute keine Ehre“ hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters in der Studie „Frauen in Kultur und Medien“ 2016 protokolliert.

Mal ganz abgesehen davon, dass Georg Baselitz, einer der prominentesten Maler und Bildhauer der Gegenwart, sowieso und überhaupt der Ansicht ist, dass Frauen nicht gut malen können. So weit. So schlecht. Quo vadis Bella donna?

Wäre da nicht, gäbe es nicht: Es tut sich was. So etwa mit dem 1987 in Berlin konstituierten „Verborgenen Museum“, weltweit das einzige Haus mit ausschließlich Werken vergessener Künstlerinnen des letzten Jahrhunderts. Ja, und nicht zu übersehen: die erfreuliche Zunahme im aktuellen Ausstellungsbetrieb beim Wieder- und Neuentdecken von Kunst, geschaffen von Frauen. Siehe Bochum. Siehe Kunstmuseum Bochum. Hier sind gerade Künstlerinnen der Gegenwartskunst auf dem Vormarsch ins Gleichgewicht zu bringen, was ins Gleichgewicht gehört.

„In den sechzig Jahren seit der Gründung der Städtischen Kunstgalerie, dem heutigen Kunstmuseum, hat sich die Situation grundlegend geändert, was sich an der Ausstellungs- und Sammlungspolitik nachvollziehen lässt. Gesammelt wird im Kunstmuseum überwiegend im Zusammenhang mit Ausstellungen, so dass die hier ausgestellten Werke zumeist auf Ausstellungen ihrer Autorinnen in diesem Haus verweisen.“

Und derer an der Zahl gab`s viele und wird es hoffentlich viele noch geben. Bella donna zum Glück. Gut so.

Kontakt

Öffnungszeiten

Adresse

Kunstmuseum Bochum

Kortumstraße 147
44777 Bochum (Postanschrift)
44787 Bochum (Navigation)

Kasse/Information

Telefon: +49 (0)234 910 – 42 30

E-Mail: museum@bochum.de

Facebook: facebook.com/kunstmuseumbochum

Instagram: instagram.com/kunstmuseum_bochum

 

Anfahrt

geoportal hoch

 

Öffnungszeiten

Dienstag, Donnerstag, Freitag,
Samstag und Sonntag:
10.00 — 17.00 Uhr

Mittwoch (während der Coronabeschränkungen):
10.00 — 17.00 Uhr

An folgenden Feiertagen bleibt das Kunstmuseum Bochum geschlossen: Neujahr, Karfreitag, 1. Mai, Heiligabend, 25. Dezember, Silvester.

An den übrigen Feiertagen bleibt das Museum jeweils von 10.00-17.00 Uhr geöffnet.

Eintrittspreise

Zum Jubiläum gewähren wir freien Eintritt für die Eigene Sammlung!

Normalpreis                  5,00 Euro

Ermäßigt                       2,50 Euro

Familienkarte               10,00 Euro

Jahreskarte                  25,00 Euro

Jahreskarte ermäßigt    12,50 Euro

Familienjahreskarte      44,00 Euro

Kinder und Jugendliche bis zu 14 Jahren und Schülergruppen haben freien Eintritt!

An jedem ersten Mittwoch im Monat ist der Eintritt frei!

Regelmäßige Führungen sonntags um 15.00 Uhr (ohne Aufpreis) – weitere Führungen auf Anfrage möglich!

Bitte beachten Sie, dass zur Zeit keine Kartenzahlung möglich ist.

Wir freuen uns über eine Nachricht.


Ich akzeptiere die Datenschutzbestimmungen

Nachricht senden